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11/25/2014

Wir brauchen in der Bildkultur ein “Biobild"

Vor vier Jahren haben meine Frau und ich beschlossen, nach Berlin zu ziehen. Wenn man eine Weile in einem anderen Land lebt, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man sich fragt, warum man eigentlich von zuhause fort ist:  Das Befremden nimmt zu und das anfängliche Staunen und die Aufgeregtheit klingen ab. Manche Irritation tritt jedoch erst zutage, sobald man gelernt hat, in seine Mitmenschen hineinzusehen. So fiel mir erst vor Kurzem auf, dass deutsche Kassiererinnen viel mürrischer sind als ihre Kolleginnen in den Niederlanden.  Sie flirten nicht, sie scherzen nicht und schauen dich kaum an.  Sie sind auch selten faszinierend, hochgebildet, sexy oder exotisch.

Jetzt noch rasch meine beiden letzten Kritikpunkte abhandeln, dann bin ich damit durch: Deutsche naschen zu viel Gummibärchen aus Bonn und grillen oft Bratwürte aus Thüringen. Zum Glück bin ich aber meist einfach nur froh, dass wir uns für ein Leben in Deutschland entschieden haben. Zum Beispiel wegen des Braun-Feldwegpreises: Der Preis illustriert, warum ein von Berufs wegen an Design interessierter Mensch nach Deutschland gehen sollte, denn der Braun-Feldwegpreis zeigt das Beste, was deutsche Designkultur zu bieten hat.

Wo in der Welt schreiben Designstudenten mehr als 10.000 Wörter? Wo in der Welt nimmt man sich so viel Zeit im Designbetrieb, um Texte zu besprechen und zu beurteilen? Die Unlust zu Schreiben ist übrigens nicht nur ein Problem von Studenten. Für anerkannte Designer gilt genau dasselbe: Auch sie vermeiden es nach Möglichkeit Es liegt wohl daran, dass an Hochschulen für Design relativ viel Dyslexie vorkommt.

Kunstakademien üben offenbar eine hohe Anziehungskraft auf Menschen mit mäßig ausgeprägtem Sprachgefühl aus.Es ist also kein Zufall, dass unsere Berufsgruppe nicht gerne zur Feder greift. Heutzutage kommen Studenten an Unmengen von Bildern heran, die sie sortieren, bearbeiten und publizieren. Ebenso mühelos präsentieren sie diese Bilderflut einem Publikum oder dem Dozenten.

Bilderfight
Und ist Ihnen schon aufgefallen, dass auf Design-Symposien ein richtiger Bilderfight im Gange ist? Früher zeigten Designer während eines Vortrags etwa 20 Dias. Einen Schlitten nannten wir das. Heute ist es keine Ausnahme mehr, wenn pro Vortrag 50 Bilder an die Wand geworfen werden und manchmal sogar über 100 Bilder, auf zwei Bildschirmen gleichzeitig.

Wenn ich als Moderator den Vortragenden auf die Fülle seines Bildmaterials anspreche, bekomme ich zu hören: „Ja, aber ich bin wirklich schnell“. Als wäre es eine Kunst, diese Bilderflut in rasendem Tempo vorzuführen.  Stellen sie sich einen Chefkoch vor, der Ihnen ein 30-Gänge-Menü in 20 Minuten auftischen will mit der Aussage: „Ja, aber ich bin wirklich schnell“.

Neuland- oder Biobild-Label
Ich glaube, es sollte auch in der Bildkultur eine Art “Neuland- oder Biobild-Label” geben: Um sicher zu gehen, dass die Motive mit Sorgfalt behandelt, mit Respekt aufgenommen und hinsichtlich die Urheberrechte alles geregelt ist.  Mit Respekt aufgenommen bedeutet beispielsweise: keine Bilder von Terroranschlägen und Attentätern.
Es ist würdelos, dass alle ein Bild von Anders Breivik im Kopf hat.
Eine Google-Search-Anfrage liefert hier 600.000 Abbildungen.Noch schlimmer ist es, dass wohl jeder die Krawatte dieses Mannes kennt, die er während des Prozesses um hatte. Ich wünschte, ich hätte dieses Bild nie gesehen, aber es war nicht möglich, darum herum zu kommen. Eben gerade weil es in der Bildkultur kein Biobild oder Fair-Trade-Bild gibt.

Das einzige, was kritische Bildkonsumenten tun können, ist, sich in Formen von Abstinenz zu üben.  Kein Fernsehen, keine Computerspiele, kein Durchblättern von Zeitschriften und kein Zeitungslesen.  Vielleicht bleibt einem dann Breiviks Krawatte erspart. Einfach ist das nicht. In der Bildkultur gibt es nämlich keine Moral, kein Gewissen und kaum Reglementierungen.  Es herrscht scheinbar völlige Gleichwertigkeit und Demokratie.  Ein mit einem Handy aufgenommener Schnappschuss kann es mit einem inszenierten Bild aufnehmen, in dem eine Woche Arbeit steckt.  Und ein Urlaubsfoto kommt im Internet zur gleichen Geltung wie ein Gemälde von Vermeer.  Wahrscheinlich sind Bilder deshalb für Studenten so attraktiv: freier Zugang und keine Hierarchie.

Texten
Bei der Erstellung eines Textes gelten andere Maßstäbe.  Worte lassen sich eben nicht ganz so leicht produzieren wie Bilder.  Doch nicht jedem gelingt ein guter Text.  Bei einem Text von mehr als 1000 Wörtern muss man sich ganz präzise ausdrücken.  Man braucht eine Idee, eine Motivation, ein Argument und eine Gliederung.  Der Schreibprozess verlangt Ausdauer, Konzentration, Kreativität und wenn möglich: Humor.

Wer einen Text schreibt, lässt sich in seinen Kopf schauen und gerade das scheuen die meisten Designer.  Denn erst dann zeigen sich ein
Mangel an Vision und Motivation, an historischen Kenntnissen und an Kritik.  In einem ausgefeilten Text offenbaren sich Charaktereigenschaften und Schwächen des Verfassers.
Ist er kreativ, sorgfältig, nachlässig oder mutig?
Ist er eitel oder hat er einen hohen wissenschaftlichen Anspruch?
Gelingt es dem Autor, Wesentliches von Nebensächlichkeiten zu unterscheiden?
Verfügt er über Sprachgefühl und – sehr wichtig - – hat er Sinn für Humor?

Bilderlassen sich retuschieren, das gedruckte Wort aber kann entlarven.  Die Fähigkeit des Schreibens ist also auch in der Designerwelt ein Zeichen von Können.  In einer Designkultur, die sich immer weiter auf die überwältigende Bildkultur zubewegt,  ist es wichtig, dem Fach mehr Tiefe zu verleihen.  Ein Preis ist ein gutes Instrument, um auf gute Texte aufmerksam zu machen und das Schreiben anzuregen. Denn: Kreativität manifestiert sich natürlich auch in Texten, nicht nur in Bildern.

Preisträger Moritz Grund
Der diesjährige Preisträger Moritz Grund macht dies auf eindrückliche Weise deutlich.  Seinen Gedankengängen zu folgen, ist ein Vergnügen.  Einhundert ist ein Text, in dem zuerst ein Gedanke entfaltet wird, und die Handlung dann folgt.  Der Text sticht deshalb heraus, weil es sich nicht um eine klassische Designkritik oder Entwurfsbesprechung handelt.  Es ist ein aktivistischer Text über eine persönliche Erfahrung des Verfassers. Wir wir in die Beziehung ein,  die der junge Gestalter Moritz Grund zu seinen Habseligkeiten, Dingen, Objekten, Produkten hat.

Eine sorgsame und liebevolle Beziehung des Verbrauchers zum Produkt ist der Schlüssel zu dauerhaften Gebrauch. Durch ein sich selbst auferlegtes Limit, nur 100 Dinge zu besitzen,  fokussiert sich der Verfasser auf die Beziehung zwischen Verbraucher und Produkt.  Die nur scheinbar bizarre Therapie, mit 100 Dingen ein normales Leben zu führen, ist wertvoll und attraktiv.  Wenn man sich jedem Objekt mit Respekt nähert, wird man automatisch nichts kaufen, was man nicht braucht.  Man wird also nichts kaufen, was man nach nur einem Mal Benutzen wieder wegwerfen würde,  wie einen Pappbecher oder ein Papiertaschentuch.  Man wird bestimmte Produkte nur für bestimmte Zwecke verwenden.  Vor allem wird man sich fragen, ob man dieses Produkt auch wirklich benötigt und was man sonst noch mit ihm anfangen kann.  Was könnte man beispielsweise mit ihm machen, wenn man es umdreht oder verkehrt herum hält?  Kurz und gut,  man wird nachdenken, ob dieses Produkt das eigene Leben wirklich bereichert.  Moritz Grund geht dem in seinem zugänglichen Text nach.

Designforschung
Unter Kollegen wird ausgiebig darüber diskutiert, was Designforschung eigentlich ist.  Ich habe mich während meiner Zeit als Professor für Produktdesign in Rotterdam rege daran beteiligt.  Im Vergleich zu den klassischen Wissenschaften gibt es im Fachbereich Design nur wenig Forschungseifer.  Und als Designer promoviert man nur selten. Das Thema wirft viele Fragen auf,:  Ist Designforschung rein beschreibend wie etwa die Designkritik?  Kann ein Entwurf, ein Produkt als wissenschaftliche Leistung gelten?  Was ist der Unterschied zwischen analytischem Gestalten und gestalterischer Analyse?  Muss Designforschung systematisch sein, und wenn ja: Was bedeutet das für den Entwurfsprozess?  Muss der Entwurfsprozess zudem in einem wissenschaftlichen Kontext nachvollziehbar sein?  Bedeutet dies zugleich, dass man Produktqualität durch die gerade beschriebenen Methoden erzielen kann?    Es liegt auf der Hand, dass ich jetzt eine mehr wissenschaftlich geprägte Designforschung fordern müsste.

Ist Design überhaupt eine Wissenschaft? 
Aber das werde ich nicht tun. Der schreibende Designer, der diesen Preis lebendig macht, braucht nicht unbedingt einen wissenschaftlichen Kontext. Denn der Knackpunkt bleibt der Entwurfsprozess. Kann sich die formgebende Disziplin gegenüber der Wissenschaft behaupten?  Ist Design überhaupt eine Wissenschaft? Meine Antwort lautet: Nein.  Die meisten universitären Designausbildungen stehen mit der dazugehörenden wissenschaftlichen Herangehensweise auf Kriegsfuß.  Sogar im Fachbereich Architektur wird diese Diskussion regelmäßig aufs Neue geführt.  Kern des Gestaltens ist die Kreativität, darin sind sich alle einig.  Aber gerade das lässt sich wissenschaftlich nicht belegen.  Kreativität lässt sich nicht beweisen..  Kreativität kann man vielleicht gerade noch als neurobiologische Eigenschaft beschreiben, wenn man damit die Flexibilität des Gehirns meint.  Aber Kreativität hervorrufen, kreative Prozesse wiederholen, Kreativität steuern,  das funktioniert nicht.

Jeder gelungene Entwurfsprozess hat auch etwas Unlogisches und nicht Vorhersagbares an sich. Große Teile des Prozesses lassen sich in Entwürfen formalisieren,  ein wichtiger Funke aber wird nie wissenschaftlich zu erklären sein.  Ich weiß, dass ich mich mit dieser Auffassung nicht gerade beliebt mache,  aber ich bin davon überzeugt, dass Design im Grunde ein unwissenschaftliches Fach ist.  Der Beruf beinhaltet künstlerische Disziplinen, wie Bildhauerei und Malerei, außerdem Management, soziales Geschick, Prozessentwicklung und Planung. Manches davon lässt sich wissenschaftlich verankern, anderes nicht.

Zurück zum Anfang.  Wer an niederländische Exportschlager denkt, denkt an Käse, Marihuana und Tulpen.  Aber außer diesen Leckereien liefern wir Fußballstars, Designer und Design-kritiker.  Design-Kritiker fühlen sich sehr geschmeichelt und glücklich, wenn sie dazu aufgefordert werden,  über die Fragen ihres Fachgebiets nachzudenken.  Ich habe großen Respekt vor der Ruhe und Sorgfalt, mit der meine deutschen Kollegen die Debatte führen und freue mich,  dass ich nun daran teilhaben darf.  Genau wie Fußballspieler werden auch Kritiker meist besser, wenn sie ihren Beruf in einer anderen Kultur ausüben.  weil die neuen Lebensumstände etwas anderes von ihnen verlangen und man sich anpassen und beweisen muss.  Und deshalb rufe ich aus: Lang lebe die deutsche Designkultur, lang lebe der Braun-Feldwegpreis, lang lebe Moritz Grund – und lang lebe die deutsche Diskussionsfreude.

Rotterdam als Architekturlabor Europas

Vor kurzem wurde die Van Nelle Fabrik aus den 1930er Jahren als eines der ersten Industriedenkmäler der Niederlande der Liste des UNESCO-Welterbes hinzugefügt. Laut UNESCO-Experten ist das Gebäude "... für die ganze Welt unersetzlich und von außergewöhnlicher Bedeutung." Nicht nur die Verwendung neuer Materialien, sondern auch die Bauweise sowie die helle und offene Arbeitsatmosphäre gelten bis heute als vorbildlich. Das UNESCO Urteil bestätigt einmal mehr die Bedeutung Rotterdams als Hauptstadt der Moderne. Denn die Industrie- und Handelsmetropole am Rhein-Maas-Delta beweist sich bis heute als Entwicklungslabor innovativer Architektur.  

"Licht, Luft und Raum" war das Konzept von Kees van der Leeuw, dem damaligen Direktor bei Van Nelle, um eine moderne und menschliche Arbeitswelt zu erschaffen. Die zwischen 1925 und 1931 nach Plänen von Jan Brinkman und Leen van der Vlugt errichtete Fabrik gilt mit ihrer Vorhangfassade aus Glas und Stahl, ihrer Offenheit und den charakteristischen Pilzstützen als Meilenstein der Moderne. Bis in die 1990er Jahre wurde hier Kaffee, Tee und Tabak produziert. Bald nach der Schließung ging die ehemalige Fabrik in den Besitz von mehr als 400 Einzelinvestoren über, die als Kooperative das Umnutzungskonzept "Van Nelle Ontwerpfabriek" entwickelten und die Umsetzung unter der Leitung des auf dem Gelände ansässigen Architekten Wessel de Jonge beauftragten. Die transparente Ausstrahlung der Van Nelle Fabrik ist auch nach den Eingriffen für die Umnutzung erhalten geblieben. So wurde etwa in der verglasten Kanzel über dem Fabrikgebäude eine Cafeteria untergebracht, die einen Rundumblick über das Gelände bietet. Heute beherbergt der Gebäudekomplex viele unterschiedliche Unternehmen und hat sich mit diversen Veranstaltungen zu einem lebendigen Zentrum  der Kreativwirtschaft entwickelt. Während anderswo eine Fabrikschließung Lähmung und Depression ausgelöst hätte, hatte sich Van Nelle in Rotterdam als Ontwerpfabriek neu erfunden. Das ist symptomatisch für die ganze Stadt, die es in den letzten 80 Jahren immer wieder geschafft hat, als relevantes Labor für Architektur und Stadtplanung zu gelten. 

Programmatischer Neuanfang 
War die Van Nelle Fabrik vor dem Krieg ein erster Schritt, machte die völlige Zerstörung der Stadt im Mai 1940 einen beherzten Neuanfang notwendig. Die Rotterdamer hatten ihre Stadt ehedem eher für hässlich gehalten und es fehlte ein Bezug zu ihrer Morphologie. Schon vier Tage nach der Bombardierung  wurde der angesehene Stadtplaner Ir. Willem Gerrit Witteveen mit der Entwicklung eines „Wiederaufbauplans“ beauftragt, allerdings nicht mit dem Wunsch einer Rekonstruktion der alten Struktur, sondern um etwas Neues zu schaffen. In der Bevölkerung gab es breite Unterstützung für dieses Experiment. Und das Neue war – daran bestand kein Zweifel: der Modernismus. So wie in vielen sowjetischen Städten gab es eine rationale Planung mit einer klaren Trennung von Wohnen und Arbeiten, der Verkehrsinfrastruktur und den Erholungsgebieten. 

Hafenwachstum und die Siebziger Jahre
Darüber hinaus erlebte Rotterdam ein starkes Wirtschaftswachstum. Der Hafen war fünfzig Jahre lang der größte der Welt und ist noch heute der größte außerhalb Asiens. Durch das rasante städtische Wachstum und die Entwicklung des Hafengeländes ergaben sich immer wieder große stadtplanerische Herausforderungen. Die Aufgaben waren gewaltig und die Vorgaben ließen viele Freiheiten zu. „Think Big“ lautete das Motto. Der stetige Wandel war die einzige Konstante für die Stadt, für ihre Bürger, ihre Unternehmen und ihre Beamten. Die Stadt hat ihre Identität nicht auf historische Artefakte aufgebaut, sondern sie mit Architektur und Planung als wichtige Bausteine neu gestaltet. Ein Beispiel dafür sind die Kubushäuser von Piet Blom aus den 1970er Jahren. Der Architekt wurde beauftragt eine lärmende Verkehrsader auf ungewöhnliche Weise zu überbrücken. Blom sah die Häuser als Bäume – mit einem „Stamm“ zur vertikalen Erschließung und der Wohneinheit als „Baumkrone“. 

Vorläufiger Höhepunkt um die Jahrtausendwende
Rund um die Jahrtausendwendewende avancierte Rotterdam auch international zum Anziehungspunkt für Architekten. Viele der ansässigen Architekturbüros wie das Office of Metropolitan Architecture (OMA) oder auch MVRDV, West 8, Neutelings Riedijk Architects und KCAP Architects&Planners hatten internationales Ansehen erworben. Das Architektur Institut ‚NAi’ gehörte zu den größten der Welt und die  in Rotterdam realisierten Projekte waren beeindruckend: sei es die Kunsthalle, die Erasmus-Brücke, der ‚Kopf von Zuid’ – ein völlig neugestaltetes ehemaliges Hafenufer mit Wohnen, Gastronomie und kulturelle Instituten – oder das „DWl-Terrein“, ein zu Wohnraum transformiertes ehemaliges Wassergewinnungsgebiet. Die Architektur-Biennale, die Maaskant Preise, spezialisierte Architekturführungen (ArchiGuides), ein lokales Architekturzentrum und spezielle Fördermittel für Forschung und Entwicklung bildeten ein vitales Netzwerk rund um die Architektur. Vor diesem Hintergrund entstanden neue Architekturbüros, oft durch „Berufs-Immigranten“ wie das Atelier Kempe Thill (D), Casanova + Hernandez architects (ESP) oder Artgineering (D/B). Es war etwas Außergewöhnliches im Gange: Kreativität und Liebe für die gebaute Umwelt konnten sich hier wie kaum an einem anderen Ort entfalten.

Die lokale Politik  war einer der Treiber für die  Entwicklung von Rotterdam. In vielen der markanten architektonischen und städtebaulichen Projekte spiegeln sich Mut und Vertrauen. Ein typisches Beispiel dafür ist die „Erasmus-Brücke“, die das Zentrum von Rotterdam mit „Kop van Zuid“ verbindet. In der Planungsphase Anfang der neunziger Jahre war die Entscheidung für eine „normale“ Brücke gefallen. Dennoch gelang es Prof. Ir. Riek Bakker, damals Leiterin der Stadtentwicklung, Ben van Berkel von UNStudio zu beauftragen, eine modernere, expressivere Brücke zu entwickeln. Das Ergebnis hat Geschichte geschrieben:  Die Brücke wurde zum ästhetischen, innovativen Wahrzeichen und mitten im Fluss zum Symbol einer progressiven Stadt  Die Bevölkerung liebte diese Brücke von Anfang an und gab ihr dank der 139 Meter hohen, geknickten Stahlpylone, sofort einen Spitznamen: der Schwan. 

Finanzkrise 2007
Aber die Hochkonjunktur war fast über Nacht vorbei. Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise traf die Stadt schwer. Plötzlich gab es kaum noch Bedarf an neuen Wohnungen und fast alle Gewerbeimmobilien verloren an Wert. Die Zeit des freien Entwickelns war vorüber. Das politische und kulturelle Klima kühlte sich ab und experimentelle Entwürfe landeten in der Schublade. 

Doch als jeder schon dachte, dies sei der Untergang der Architekturszene, war die Stadt in der Lage, sich abermals neu zu erfinden. Die bedeutenden Architekturbüros arbeiteten mittlerweile in der ganzen Welt. Und eine neue, jüngere Generation von Architekten und Designern wie ZUS (Zones Urbaines Sensibles) oder Superuse Studios traten an mit neuen, beteiligungsorientierten Bottom-up-Ansätzen und anderen, nachhaltigen Entwurfsstrategien. Sie nutzten mitunter Crowdfunding und andere Wege, mit der Politik und der Öffentlichkeit zu kommunizieren. So kam das Projekt „Luftbrücke“ von ZUS (ein Holzbrücke zwischen Kulturgebäude ‚Schieblok’ und Bahnhof) mit Unterstützung der Bevölkerung zustande. Die Namen von hunderten privaten und geschäftlichen Sponsoren sind in der ersten Crowdfunding-Brücke Rotterdams eingraviert. 
In der Folge wurden in den letzten Jahren eine große Zahl weiterer innovativer Projekte realisiert; so beispielsweise die Markthalle von MVRDV und das Bürogebäude DeRotterdam von OMA. Damit konnte sich die Stadt einmal mehr eindrucksvoll als eine der Hauptstädte der Weltarchitektur behaupten. Was damals mit der Van Nelle Fabrik begonnen hatte, ist auf dem besten Weg zu einer unendlichen Geschichte zu werden.


Der Autor:
Lucas Verweij war Direktor der „Rotterdam Academy for Architecture and Urban Design“ und lebt heute in Berlin, wo er über Architektur und Design schreibt. Er war Gastprofessor an verschiedenen Berliner Kunsthochschulen. Er unterrichtet jetzt in Poznan, Polen 

5/12/2014

Design is getting into the Hope Industry. (after Religion and Politics)

My talk on What design can do. Based on the text as published in 'De Groene Amsterdammer' (in Dutch) and two articles on Dezeen.

video

Or watch it on youtube: http://bit.ly/1jiNBNr